Mein Jahresrückblick 2011

09. Januar 2012, 00:01 von Edda Klepp

"Nichts existiert, das von Dauer ist. Das einzig Dauerhafte ist die Veränderung." (Buddha)

Dieses Zitat möchte ich gern meinem diesjährigen Jahresrückblick voran stellen. Seit nunmehr einem Dreivierteljahr ziert es auf einer Postkarte mein Wohnzimmer und ist in gewisser Weise als Zufallsfund zu meinem Wegbegleiter geworden. Darauf abgebildet ist frischer Tee, für mich der Inbegriff einer entspannten Auszeit.

2011 war ein Reisejahr für mich, im realen wie auch im übertragenen Sinne. In kaum einem Jahr habe ich mich privat so deutlich zu mir selbst bekannt wie in diesem. Gleichzeitig war ich viel unterwegs, habe viel gesehn, entdeckt und ausprobiert. Fünf Mal bin ich im letzten Jahr verreist, habe auf diesen Reisen interessante Menschen kennen gelernt und neue Erfahrungen machen dürfen. Dabei bin ich in drei Ländern gewesen, die ich bisher noch nicht auf meinen Reiserouten verzeichnen konnte. Ich bin auf einem Kamel geritten, das "Michael Jackson" hieß, bin im roten Meer getaucht, habe mit Inbrunst in einem voll besetzten Café die Karaokeversion von "Je ne regrette rien" geträllert. Ich habe in stundenlangen Wanderungen die Ostseelandschaft erkundet. Ich bin durch Venedig "getrampt" und habe in der ägyptischen Wüste (totaaal rebellisch!!!) Shisha geraucht und die Sterne betrachtet. Ich bin auf den Spuren von Oscar Wilde und James Joyce gewandelt und stand neben der ausgebrannten Parteizentrale in Kairo sowie vor der goldenen Maske eines der berühmtesten Pharaonen. Neben den Pyramiden habe ich mich ganz klein gefühlt und gleichzeitig frei und unbeschwert. Ich habe vor der irischen Küste eine Seehundfamilie beobachtet und im roten Meer eine riesige Meeresschildkröte - was kaum noch zu toppen ist. Und doch ist all das erst der Anfang.

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Ein besonderes Highlight bot mir im Juni die Frauen-Fußball-Weltmeisterschaft. Zunächst war ich mit meinem großen Bruder beim Eröffnungsspiel in Berlin. Später sah ich drei Live-Spiele in Mönchengladbach, weil ich mich dort als Volunteer beworben hatte. Unter einem ganzen Haufen von BewerberInnen wurde ich ausgewählt, mit anderen Volunteers die Presse- und Kommunikationscrew zu verstärken. Um die 300 Leute unterstützten in Mönchengladbach weitere Abteilungen. So war ich nun wirklich hautnah dabei, konnte unseren Mädels vom Spielfeldrand aus neben den Fotoreportern die Daumen drücken und hinter den Kulissen Einblick gewinnen bei einer echten Großveranstaltung - eine Spitzenergänzung zu meinem Kulturmanagement-Kontaktstudium, das ich in wenigen Wochen mit einer Prüfung abschließen werde.

Berufliche Weiterbildung war und ist ein Thema, das 2011 für mich entscheidend geprägt hat. Neben verschiedenen Fortbildungsseminaren zu Themen wie "Fundraising", "Sponsoring" und "Presse- und Öffentlichkeitsarbeit" habe ich im Oktober begonnen, in Münster eine Theaterpädagogische Ausbildung zu machen. Zum Einen macht es mir großen Spaß, auf diese Weise mal wieder selber spielen zu können, nicht allein dabei zuzusehn und meinen Senf dazu zu geben. Zum anderen aber kann ich das Know-How sicher gut brauchen bei meiner Arbeit im Rahmen des Kinder- und Jugendtheaters NASEWEIS. Im September hatte das erste NASEWEIS-Stück in Münster Premiere, ein Stück zum Thema "Philosophie für Kinder" mit dem Titel "Phil & Sophia fragen nach Gott". Eine weitere Theaterarbeit stand dann im Oktober an, da an den Städtischen Bühnen Münster der Amok-Monolog "20. November" wieder aufgenommen wurde und für spannende Diskussionen mit unserem Publikum sorgte.

Das Theater nimmt nach wie vor einen Platz in meinem Leben ein, allerdings habe ich entschieden, in Zukunft dem Schreiben mehr Raum zu geben. Mittlerweile sitze ich an meinem dritten Drehbuch. Nach "An was immer du glaubst" wird in diesem Frühjahr auch der Startschuss zu einem weiteren Spielfilm gegeben: "Du Opfer!" beschäftigt sich mit Jugendgewalt und ermöglicht einen differenzierten Blick auf Täter-Opfer-Konstellationen. Ein drittes Projekt ist noch nicht spruchreif, aber bereits im Entstehen. Aus meinem Roman "Heartliners" habe ich in den letzten Monaten wiederholt gelesen. Und auch weitere Buchprojekte lauern in meiner Schublade. Es bleibt also spannend. Und es lohnt sich, seinen Träumen auf den Grund zu gehn. In diesem Sinne wünsche ich euch allen ein wunderbares, im positiven Sinne ereignisreiches und friedliches Jahr 2012. Ich freue mich drauf!

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Wie jedes Jahr gilt mein Dank meinen lieben Freundinnen und Freunden, auf deren Unterstützung ich stets bauen kann und mit denen ich auch im vergangenen Jahr viel erlebt, geteilt und gelacht habe. Ein besonderer Dank aber geht nach diesem besonderen Jahr an meinen großen Bruder für seine Größe, Ehrlichkeit und Loyalität. Wie schön, dass es dich gibt!

 

“Heartliners” - Die Lesung reloaded

20. November 2011, 23:59 von Edda Klepp

Aufgrund der großen Nachfrage unserer letzten Lesung und des Gequengels einer Handvoll Heartliners-Fans, die im Mai vor ausverkauftem Hause nicht dabei sein konnten, machen wir im November noch einmal einen Tetrapack Rotwein auf und stürzen uns ins Trash-Vergnügen.

"Das Buch platzt beinah vor Ironie, ist einfach anders und ein Unterhaltungsroman mit dem gewissen Etwas. Eine wahre Perle des Schmunzelns im Bücherregal" (Amazon-Kundenrezension)

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Foto: Lena Hesse

Und darum geht's: Was tut man, wenn man nichts gelernt hat, keinerlei Talente besitzt und auch sonst jegliche Lebensplanung fehlt? Richtig: Man wird fürs Showbizz en tdeckt!
So ergeht es Richard Loning, als er eines schönen Tages zu einem Filmcasting gespült wird. Filmproduzent Gigi Wonder wird auf ihn aufmerksam und wählt Richard als Traumbesetzung in der Bestsellerverfilmung DEADLINERS, einer Musicalfilmromance. An der Seite der anämischen Romanfigur Stella spielt er den sensiblen Zombie Roy, den Traum aller 13jährigen Mädchen und deren Mütter.

Es kommt, wie es kommen muss: Der Film wird zum Kassenschlager und Richard über Nacht zum Star. Alles könnte so schön sein, wäre da nicht dieses unsichtbare Frettchen, das ihm ständig mit sinnfreien Kommentaren in den Ohren liegt, sowie seine Co-Darstellerin Julia, zu der er sich geradezu magisch hingezogen fühlt, obgleich er sie doch eigentlich gar nicht riechen kann. Auch sein älterer Bruder Wolfram, ein narzisstischer Dramaturg und Frauenschwarm, macht Richard das Leben schwer. Schnell fühlt sich Richard von den Mühlen Hollywoods zermahlen und gerät in eine tiefe Krise…

Es lesen: KONRAD HALLER, TOTO HÖLTERS und EDDA KLEPP. Musikalischen Support liefert die Münsteraner Band BETASURFERS mit ihrem Programm aus Surf-Punk & Astronautenmusik.

Karten gibts direkt im Kammertheater "Der Kleine Bühnenboden" in der Schillerstraße 48a. Reservierung via Mail: info@derkleinebuehnenboden.de.

Findet die "Heartliners" bei facebook.

Unter der Oberfläche

16. November 2011, 11:03 von Edda Klepp

Oberflächlichkeit und Unverbindlichkeit gehen ja oft genug Hand in Hand. Und dennoch kann ich der Erstgenannten manchmal sogar etwas abgewinnen. Unverbindlichkeit hingegen nicht. Nicht alles zu zeigen oder sehen zu können ist etwas anderes als jemandem etwas Falsches vorzugaukeln. Woran aber erkenne ich den Unterschied?

Die Oberfläche zu betrachten bedeutet für mich, dass ich nicht alle Facetten einer Sache oder eines Menschen kenne und sehe, meist tatsächlich eben nur die äußere Fassade, die sich auf den ersten Blick erschließt. Es bedeutet aber auch, dass ich mich selber neu erfinden kann, auch nicht alles auf Teufel komm raus von mir direkt preis geben muss. Das kann durchaus heilsam sein, und auch recht aufregend. Heilsam, wenn du feststellen müsstest, dass es unter der Fassade deines Gegenübers gar nicht viel Interessantes zu entdecken gäbe. Dann nämlich kannst du dich vor überflüssigen Investitionen schützen. Aufregend aber ist es, wenn du von Anfang an spürst, dass es ganz sicher mehr als eine Schale gibt, die sich unter der Oberfläche verbirgt. Oberfläche bietet Schutz, macht manchmal echt Spaß und ist durchaus gesund, sofern man sich selber ihrer Wirkung bewusst ist und sich nicht zwanghaft aus Angst dahinter verstecken muss. Und sie kann ein guter Einstieg sei, um gemeinsam in tiefere Sphären einzutauchen. Sie kann dich gleichzeitig vor allzu Aufdringlichem bewahren und dir Zeit geben, um heraus zu finden, was du eigentlich wirklich möchtest. Und sie bedeutet nicht automatisch den Verlust der Authentizität.

Oft genug, wenn mir Unverbindlichkeit begegnet, ertappe ich mich dabei, mich darüber mehr zu ärgern, als sie es überhaupt wert wäre. Immer noch. Obwohl ich doch mittlerweile gelernt habe, wie sie zu erkennen ist. Und obwohl ich um ihre Wirkung auf mich weiß. Das Theaterleben ist voll davon. Ich war gerade am Ende meines ersten Praktikums, als ich zum ersten Mal den Satz zu hören bekam: "Sie werden von mir hören." Das Ergebnis war ernüchternd. Nichts hörte ich nämlich zunächst. Dass am Ende dennoch ein 2-Jahresvertrag dabei heraus sprang, verdanke ich wohl meiner Beharrlichkeit und meines unerschütterlichen Glaubens daran, dass ich im Theater glücklich werden könnte. Der Intendant jedenfalls hatte mich zwischenzeitlich schon vollständig vergessen. Ergo habe ich mich ein halbes Jahr nach seiner theatralischen Ankündigung ein weiteres Mal als Praktikantin beworben. Diesmal bei ihm persönlich.
Sehr schön auch der Ausspruch eines Regisseurs, mit dem ich einst arbeiten durfte und der sich selbst als "durchaus integer" bezeichnete: "Schauspieler muss man brechen, Sänger muss man pflegen." Und wie der brach… Zum Brechen sowas! Oder unvergessen das Zitat eines anderen geschätzten "Gutmensch"-Intendanten, der sich bei Vertragsverhandlungen mit mir wunderte, dass ich es überhaupt wagte, mit ihm über sein (unverschämt niedriges) Gagenangebot verhandeln zu wollen: "Und was ist mit Harz IV, Frau Klepp?" Es gäbe viele Beispiele, die ich hier nennen könnte, weit drastischere Geschichten, die mir zu Ohren gekommen sind. Ausgenutzte Sehnsüchte. Ausgeblutete Hoffnungen. Sensible Menschen, die in der Theatermühle oft genug den Kürzeren ziehn und Verbindlichkeit gerade dort suchen, wo sie am wenigsten zu erwarten ist.

Auch ich war bis vor einiger Zeit noch fest davon überzeugt, dass ich das, was ich im Leben so dringend brauche, im Stadttheaterleben finden könnte. Ich habe als Jugendliche die Bühne als einen Ort erlebt, an dem ich mich verwandeln konnte, all das sein durfte, was mir in anderen Zusammenhängen untersagt war. Ich liebte die Atmosphäre hinter den Kulissen, beobachtete gebannt das Treiben sämtlicher Abteilungen während der Endproben und bestaunte das Ergebnis nach einer mehrwöchigen Probenzeit wie einen wertvollen Schatz. Ein Teil dieser Faszination ist durchaus geblieben, auch wenn einen manch ein Trick der Theatermacher durchaus desillusionieren kann, wenn man erst mal weiß, wie die Effekte erzielt werden. Ein anderer Teil jedoch wich der Ernüchterung. Nur so lange fühlte ich mich zu Hause, bis ich mehr und mehr zu sehen bekam, was sich unter dem schönen Schein von Glamour und Applaus noch so alles verbirgt. Es ist erstaunlich, wie Menschen bisweilen miteinander umgehen, die sich tagtäglich mit den Strukturen kommunikativ gestörter Beziehungen beschäftigen und mit Emotionen arbeiten.

"It is social aptitude, not intellectuel brilliance or social class, that leads to successful aging", zitiert Miriam Meckel in ihrem Buch "Brief an mein Leben" eine amerikanische Studie zur Glücksforschung. Ein interessantes Buch, in dem sie Prozesse beschreibt, die mir nur allzu vertraut vorkommen. Vor etwa einem Jahr verabschiedete ich mich daher von einem Traum, der oberflächlich betrachtet wunderschön war, der unter der Oberfläche jedoch deutlich Risse zeigte. Die Risse machten mir Angst. Dennoch verordnete ich mir entgegen meiner bisherigen Strategien selber freiwillige Theaterabstinenz. Unbefristet. Um zu sehn, was eine solch radikale Entscheidung wohl mit mir machen würde. Zudem entsorgte ich 50 bereits gedruckte und verpackte Bewerbungen an Stadttheater. Ich legte meinen Traum ad acta. Mittlerweile weiß ich jedoch, dass sich darunter ein viel schönerer Traum verborgen hielt. Wenn du mit dir selber im Reinen bist, ist es irgendwann nicht mehr wichtig, wieviel Applaus du von Wildfremden bekommst.

Monate vergingen, in denen ich mich vor allem mit mir selber beschäftigte sowie mit den Menschen in meiner unmittelbaren Umgebung. Ich übernahm interessante Jobs, die nichts mit Theater zu tun hatten, ich las viel, ersann Geschichten, machte Sport und drei Urlaube. Ich begann eine Fortbildung im Bereich Theaterpädagogik und im kommenden Frühjahr werde ich mein Aufbaustudium des Kulturmanagements abschließen. Und dann? Na, schaun mer mal.
Es ist ganz erstaunlich, wie sehr einen manche Entscheidungen verändern können. Ich habe wieder Freude daran gefunden, mir die Inszenierungen anderer anzusehn, eine Sache, die ich lange Zeit nicht mehr genießen konnte, da mir die Begeisterungsfähigkeit irgendwo zwischen Probenräumen und Autobahnabfahrten abhanden gekommen war. Und ich bin regelrecht erleichtert, zu spüren, dass ich vom Theater nicht abhängig bin. Weder finanziell noch emotional. Selbstverständlich
werde ich auch weiterhin Theater machen. Dafür liebe ich es viel zu sehr. Aber ich möchte nur noch mit Menschen arbeiten, denen ich vertrauen kann und die mir ebenso vertrauen. Ich möchte mich mit Themen beschäftigen, die etwas mit mir zu tun haben, die mir dringlich erscheinen. Ich möchte spielen, ich möchte schreiben, ich möchte staunen. Das Leben spüren. Klappt schon ganz gut. 

A propos: Am 25. November startet übrigens die zweite Auflage unserer punkigen Heartliners-Lesung im Kammertheater "Der kleine Bühnenboden" in Münster. Edda on stage. Infos dazu gibt es HIER.

 

Postbo(o)te

29. Oktober 2011, 15:45 von Edda Klepp

Da laufe ich gestern unbedarft und in Gedanken durch die Münsteraner Innenstadt, als mich plötzlich ein etwa 12jähriger Junge anspricht. Ob er mir etwas schenken dürfe. Eh ich's mich versehe, drückt er mir auch schon ein Papier in die Hand. Und - schwupp! - verschwindet er in der wuselnden Kommerzmeute.

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Ich schaue das Papier genauer an. Es ist ein selbstgefaltetes Boot mit der handschriftlichen Aufschrift "Postbo(o)te - Für eine tolerante Gesellschaft". Auf der Rückseite: "Du bist ein Unikat!" Da geht einem doch das Herz auf. :)

Thema Amok: Was sich nicht anpasst, wird passend gemacht?

27. Oktober 2011, 08:23 von Edda Klepp

Nachgespräch. Gymnasiale Oberstufe. Stille im Raum. Selten war eine Vorstellung für die Künstlerin derart beklemmend wie diese. Nun schauen die Jugendlichen zu ihr nach vorne, mit verschlossenen Gesichtern und in starrer Körperhaltung.

"Der ist doch selber schuld", sagt ein Mädchen schließlich, beinahe trotzig. "Is doch klar, dass der gemobbt wird. Warum hat er sich nicht einfach angepasst?" Verhaltene Zustimmung. Dann wieder Stille. Nach einer kleinen Ewigkeit meldet sich eine andere zaghaft zu Wort: "Aber keiner hat doch das Recht, ihn so zu behandeln. Warum haben die ihn nicht einfach in Ruhe gelassen." Sofort wird sie zum Schweigen gebracht. Niemand traut sich, ihr zuzustimmen. Im Gegenteil. Lieber passt man sich der vorherigen Meinung an. Schwäche zeigen gilt nicht. Mitgefühl zählt als Niederlage. Niemand möchte sich mit dem Mobbing-Opfer solidarisieren. Wer weiß, wer als nächstes auf dem Plan steht. Ich habe Hochachtung davor, dass sich wenigstens dieses eine Mädchen traut, in einer solchen Atmosphäre für Sebastian Partei zu ergreifen. Nicht für den Amokläufer, wohl aber für den zuvor Gequälten.

Er soll also selber die Schuld dafür tragen, dass man ihn über Jahre körperlich und seelisch malträtiert hat? Ich denke an den pickeligen Jungen mit dem schlaksigen Körperbau, den seine Mitschüler als durchweg unauffällig, aber freundlich beschrieben haben. Der sich selber als schüchtern bezeichnet und Schwierigkeiten hat, sich neue Freundschaften zu erschließen, weil er eben nicht so sehr der Macker ist und nicht halb so viele geile Sprüche drauf hat wie die coolen Typen aus der Klasse. Was genau hat er sich nochmal zu schulden kommen lassen? Ach ja, er hat sich nicht genügend angepasst. Ich vergaß. Das ist in der Tat ein schweres Vergehen, da kann es schon mal passieren, dass man gehänselt und verspottet wird. So what.

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Das oben beschriebene Gespräch findet nach einer Vorstellung vom "20. November" statt. Ich bin nicht dabei, stattdessen erfahre ich davon später, als Carolin mir berichtet, was sie in dieser Klasse erlebt hat. "Ich habe dieses Stück nun schon weit mehr als 30 mal gespielt", gibt sie den Schülerinnen und Schülern mit auf den Weg. "Und selten habe ich mich so sehr wie Sebastian gefühlt wie heute hier bei euch. Und das ist kein Kompliment."
Der "20. November" ist nicht allein ein Stück über Amok, es ist vor allem ein Stück, das die Geschichte vor der Tat erzählt. Nicht jedes Mobbing-Opfer wird später selbst zum Täter und nichts rechtfertig eine Tat wie einen Amoklauf. Nichts desto trotz enthüllt der Text die inwendige Zerstörung, die jahrelanges Mobbing und übermäßiger Leistungsdruck anrichten können. Und einjeder, der sich mit einer derart absurden Argumentation (wie oben beschrieben) aus der Verantwortung stiehlt, macht sich mitschuldig daran, dass solche Mechanismen wirksam sind.

Carolin erzählt von der oben beschriebenen Episode im Rahmen eines weiteren Gespräches. Am 11. Oktober gastierten wir mit dem Amok-Stück in einer Realschule vor einem LehrerInnen-Publikum. Das Kollegium hatte sich diesen Abend gewünscht, der Besuch der Vorstellung ist freiwillig. Einige wenige sind der Veranstaltung fern geblieben, zu nah geht ihnen noch immer die Erinnerung an den Amoklauf, der in Emsdetten, und somit nicht weit entfernt von Münster, im Jahre 2006 geschah. Der Raum ist dennoch voller interessierter, nachdenklicher und aufgeschlossener Menschen, die zwar auch - wie wir alle - keine Patentlösung parat haben, wohl aber wissen, dass es umso wichtiger ist, sich auch mit genau diesem Umstand auseinander zu setzen. Einstimmig bestätigen sie, dieses Stück unbedingt mit ihren SchülerInnen sehen zu wollen.
Es kommt die Frage auf, ob es erkennbare Unterschiede im Verhalten und in den Reaktionen der SchülerInnen gibt, die sich an den Schulformen festmachen lassen. Zum Teil lässt sich das aufgrund unserer Erfahrungen tatsächlich bestätigen. Es scheint einen Zusammenhang zu geben zwischen erhöhter Leistungserwartung und einem derartigen Welt- und Menschenbild sowie dem daraus resultierenden menschenverachtenden Verhalten.

Was aber ist das bitte für eine Welt, in der ich mich nur schützen kann, indem ich eine "Stärke" behaupte, die massiv auf Kosten anderer geht? In der Zivilcourage mit Verachtung gestraft und der "Looser" mal eben so ohne mit der Wimper zu zucken zum Sündenbock abgestempelt werden darf? Frei nach dem Motto: Was sich nicht anpasst, wird passend gemacht. Es gibt ein Problem? Muss an dir liegen. Selbst schuld, wenn andere dich als Fußabtreter bernutzen. Was ist das für eine Welt, in der Anpassungsfähigkeit an solch fatale Muster zum höchsten Gut erhoben wird? Und wo bitte haben diese jungen Menschen es so gut gelernt, sich hinter einer derart kühlen und herablassenden Fassade zu verstecken, um nicht selber zum Opfer ernannt zu werden? Das lässt tief blicken… Zum Glück bildet eine solche Reaktion wie die dieser einen Schulklasse doch eher die Ausnahme. In den meisten Fällen haben wir nach wie vor sehr intensive und eingängige Gespräche mit interessanten jungen Menschen, die durchaus bereit sind, sich in die Lage eines anderen Menschen hinein zu versetzen. Das wiederum lässt hoffen.

Henze als Zugabe!

27. September 2011, 09:29 von Edda Klepp

Kann man als Beteiligte eines Projektes eine objektiv ernst zu nehmende Kritik zu einem Konzert schreiben? Nunja, da dies keine Tageszeitung, sondern mein privater Blog ist und ich das Programm, von dem gleich die Rede sein wird, bis gestern nicht im Ablauf gehört hatte, nehme ich es mir einfach mal raus. Denn gestern Abend haben wir im H1 der Uni Münster das Orchester EinKlang aus der Taufe gehoben, welches einen temperamentvollen Auftakt auf höchstem Niveau vorlegte.

Man erwarte von mir jetzt bitte keine musikwissenschaftlich detaillierte Kritik zu den einzelnen Werken. Von meiner Seite nur soviel: Ich bin begeistert! Was die BesucherInnen da gestern zu hören bekamen, war klassische und moderne Musik vom Feinsten unter der Leitung des Dirigenten Joachim Harder. Ein dynamisch-feuriger Einstieg mit Beethoven: "Die Geschöpfe des Prometheus", anschließend ein kleines Raumklangwunder aus der Feder des zeitgenössischen Komponisten Stefan Heucke, der im Übrigen persönlich anwesend war. Gefolgt von "How slow the wind", einem Stück des Japaners Toru Takemitsu, dessen Komposition ein wahres Feuerwerk an Kopfkinosequenzen im Innern hervor zu rufen imstande ist. Abgerundet wurde das mutige Programm schwungvoll und facettenreich von Mozarts "Prager Sinfonie", und als Moderator stand Michael Custodis auf der Bühne, der kurzweilig und eloquent Einblicke in die Struktur moderner Kompositionen bot.

EinKlang versteht sich als ein Orchester, in dem "Hohe musikalische Qualität, Begeisterung für lebendiges Musizieren und Neugier auf Unerhörtes" für die Beteiligten an oberster Stelle steht. Übrigens ist der Eintritt U21 frei! Und auch im Orchester selbst waren junge MusikerInnen zu entdecken. Hier treffen sich die Generationen auf und vor der Konzertbühne. Und wer dann noch die Chuzpe hat, einen Henze als Zugabe zu bringen, der hat sich den anhaltenden und herzlichen Applaus mehr als verdient! Meinen Glückwunsch allen Beteiligten!!

“Phil und Sophia fragen nach Gott”

12. September 2011, 22:05 von Edda Klepp

Warum bin ich der, der ich bin und kein anderer? Woher kommst du? Was ist der Anfang von allem?
Diese und viele andere Fragen stellen sich Phil und Sophia. Gemeinsam machen sie sich auf, um in ihrer kleinen Welt Antworten auf so große Fragen zu finden.
Phil glaubt, irgendetwas sei schon immer da gewesen. Sophia glaubt, es habe einen Anfang gegeben. Schon sind sie mitten drin im Frage-und-Antwort-Spiel und das Geschehen nimmt seinen Lauf…

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"In was für einer Welt möchtest du leben?" - Das ist die grundlegende Fragestellung des Kinder- und Jugendtheaters NASEWEIS. NASEWEIS ist ein freies Kinder- und Jugendtheater in Münster für mobile Produktionen und Aktionen rund um philosophische Alltagsthemen. Mit "Phil und Sophia fragen nach Gott" nimmt NASEWEIS die Zuschauer mit auf eine Abenteuerreise in die spannende Welt der Philosophie. Sie werden heraus gefordert, über das ihnen Bekannte hinaus zu denken und sich selbst neu zu entdecken.

 

Kindertheater
im Begegnungszentrum Meerwiese
An der Meerwiese 25
48157 Münster

Karten-Telefon: 0251-2892111

Premiere: Sonntag, 25. September 2011, 15.30h
28./29. September 2011, jeweils 10h

Mit: Birgit Corinna Lange (Sophia), Stefan Nászay (Phil); Edda Klepp (Regie), Lea Tenbrock (Ausstattung)

Uns gibt's auch auf facebook:
www.facebook.com/theaternaseweis

R.I.P. Loriot

23. August 2011, 19:01 von Edda Klepp

Es sei erstaunlich, meinte einst ein holländischer Kollege zu mir nach einer Probe. Die Deutschen könnten sich einen ganzen Abend lang ausschließlich mit Zitaten dieses Komikers unterhalten. Wie sei doch gleich sein Name? Er, der Holländer, jedenfalls kenne sie alle, die Zitate, allerdings keinen einzigen der zitierten Sketche…

Nun, er wird am Abend Gelegenheit haben, die ein oder andere kulturelle Lücke zu schließen. Viele Fernsehsender haben ihr Programm Loriot zu Ehren für heute umgestellt, auf facebook stapeln sich die Video-Posts und wieder einmal unterhalten wir uns den ganzen Tag über mit seinen Worten.

Wenn es etwas gab, das man von Loriot lernen konnte, dann ist es das ganz genaue Hinschauen, die Präzision, mit der er die Komik im Alltag aufspürte. Wie viele andere bin ich mit ihm aufgewachsen und heute hin- und hergerissen zwischen Lachen - ob der vielen erinnerten Bonmots - und Weinen, da wir einen der ganz Großen verlieren. Er habe einfach keine Kraft mehr zum Leben gehabt, heißt es. Die Ruhe sei ihm gegönnt.

Und wenn ich noch einmal das Wort Birne Helene höre, werfe ich mich auf den Boden und beiße in die Auslegeware!

Ach was…

Thema Amok: “Das hier ist Krieg.” - Die Rolle der Medien

31. Juli 2011, 20:01 von Edda Klepp

Wie sich die Bilder gleichen! Ein junger Mann in Kampfmontur und schwerbewaffnet betritt ein Gelände voller wehrloser Jugendlicher. Er macht Jagd auf sie, steigert sich hinein in eine beängstigende Euphorie, jubelt, dennoch geht er kalt und berechnend seiner "Mission" nach. Alles nicht neu: die jahrelange Planung, der Aufbau einer "Ersatzrealität" und die Selbststilisierung zum "Einsamen Rächer" vor dem Hintergrund einer menschenverachtenden Ideologie, der Größenwahn, das Training zur Steigerung der Effektivität des Mordens und zur Herabminderung der ohnehin nicht sonderlich ausgeprägten Empathie-Fähigkeit. Keinerlei Unrechtsbewusstsein während oder nach der Tat. Kriegsvokabular.

"Das hier ist Krieg", schreibt der Jugendliche Amokläufer Sebastian B. aus Emsdetten, dessen ausdrückliche Vorbilder die Mörder von Littleton waren. "Und im Krieg passieren unangenehme Dinge." "Unsere Aktion ist ein Zwei-Mann-Krieg gegen alle anderen", sagt einer der Columbine-Attentäter in einem Video. Das "Kriegsrecht", das die Täter aus ihrer Haltung ableiten, ist klar: "Wer uns in den Weg kommt, der muss dran glauben. Wir bestimmen, wer leben darf und wer sterben muss." Hier geht es um Macht, um nichts anderes. Macht über Leben und Tod, die sich speist aus der Ohnmacht anderer. 
Die Ideologie, mit der die Tat begründet wird, ist letztlich austauschbar, sofern sie sich selber aufwertet, indem sie andere abwertet. Viele extreme Haltungen tun solches, nicht zuletzt die fremdenfeindliche Ideologie des Mörders von Oslo und Ut
øya. Sebastian ist erwachsen geworden.

In dem Wunsch, das unfassbare Geschehen in menschliche Kategorien einordnen zu können, werden sie ihn nun untersuchen. Ihn als Verrückten abzustempeln, wäre das Einfachste. Ohne Zweifel kann kein Mensch, der zu so etwas imstande ist, nach unseren Maßstäben "normal" im Kopf sein. Sie werden ihm eine ausgereifte narzisstische Persönlichkeitsstörung diagnostizieren wie bei all den anderen, Größenwahn und herabgesetzte Empathiefähigkeit. Und sie werden ihn, das ist zu hoffen, mit aller Härte bestrafen, die das norwegische Rechtssystem zur Verfügung hat. Sie werden seine Herkunft untersuchen und Puzzlestück für Puzzlestück zusammen setzen, um seine Minderwertigkeitsgefühle zu erklären, die in aller Regel einer solchen Persönlichkeitsstörung zugrunde liegen. Möglicherweise werden sie weitere Hinweise finden, die auf das Geschehen hätten hindeuten können, wäre man vorher nur achtsamer gewesen. Hätte man es verhindern können? Hat die Polizei alles Menschenmögliche getan, um ihn auf der Insel aufzuhalten? Fragen, auf die es auch in diesem Fall keine befriedigende Antwort geben wird.

Wahrscheinlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis der nächste Täter auf den Plan treten wird. Solange es Menschen gibt, die für derartige Ideologien empfänglich sind, solange unsere Gesellschaft sich mehr und mehr zu einer narzisstischen Gesellschaft entwickelt, solange wird selbst das absurdeste Manifest bei nachfolgenden Einzeltätern auf fruchtbaren Boden fallen.
Seit es Menschen gibt, hat es Amok gegeben, aber die "Regeln", denen die Taten folgen, haben sich verändert. Zweifellos lernen die Täter voneinander. Was in Columbine neu war, war nicht allein das Ausmaß der Tat an sich, sondern vor allem die Nutzung medialer Mittel durch die Täter sowie das mediale Echo in der ganzen Welt auf die Tat. Wer auf Teufel komm raus ins Rampenlicht will, der weiß, dass er es auf diese Weise sicher schaffen wird. Erschreckend, wie die Sensationspresse (und leider nicht nur die) unter dem Deckmantel der Informationspflicht nach den Regeln des Mörders
von Oslo und Utøya spielt. Dieser Täter wollte nicht im Kugelhagel sein Leben lassen, dies war kein erweiterter Selbstmord wie in Emsdetten, Winnenden oder Littleton. Der Mörder von Oslo und Utøya will und wird die Aufmerksamkeit auskosten, er will, dass wir seine Schriften lesen und seine Bilder sehn. Und seine Rechnung geht auf. Leider. Seine (Selbst-) Inszenierung ist noch lange nicht vorbei.

Ein ganzes Kapitel widmet Georg Milzner in seinem Buch "Die amerikanische Krankheit" der Rolle der Medien und der Berichterstattung. Je mehr ein Täter in den Fokus gerückt wird, desto größer ist der Reiz für mögliche "Nachfolger". Das beste Mittel gegen Nachahmer sei folglich die Verbannung der Täter zurück in die Anonymität. Keine Namen, keine Bilder (Vgl. dazu auch diesen Artikel). Was Milzner nicht meint, ist die generelle Tabuisierung des Themas Amok in der Auseinandersetzung mit den Taten.

Die Lektüre dieses Buches hat mich sehr zum Nachdenken gebracht. War und ist es richtig, Sebastian in dem Stück "20. November" in gewisser Weise ein Gesicht zu geben und seine Texte zu verwenden? In der Tat haben wir von vornherein eine künstlerische Distanz zu der wahren Person gesucht, haben die Rolle der Medien und des gesellschaftlichen Umfeldes ins Zentrum gerückt. Unser Sebastian ist eine (weibliche) Narrenfigur, die uns den Spiegel vorhält und "in einer großartigen Paradoxie das Publikum zumindest symbolisch entblößt" (WN, 22.9.2010).
Es ist eine Aufgabe der Kunst, Reflexionsebenen zu erschaffen. Und ich persönlich teile die Ansicht nicht, dass ein solcher Täter in keinem Fall namentlich in Erscheinung treten darf. Dennoch halte ich Milzners Argumentation für sehr stichhaltig. Ich denke, entscheidend ist, in welcher Weise die Sichtbarmachung geschieht. Ob es uns in unserer Inszenierung gelungen ist, einen guten Weg zu finden, mag jeder für sich entscheiden. Die Wiederaufnahme in Münster findet am 11. Oktober 2011 statt. Ich bin gespannt auf eine weitere Publikums-Diskussion im Anschluss an die Vorstellung.


Alice, Romy und die Andere

23. Juli 2011, 13:36 von Edda Klepp

Simone de Beauvoir hat ihm ein ganzes Buch von annähernd neunhundert Seiten gewidmet. In den Geschichten der Bachmann begegnete es mir während des Studiums immer wieder, sich stets auf der Grenze bewegend, unangepasst und zwischen den Welten der Wirklichkeit und der Möglichkeit flirrend. Dort im "Malina"-Roman verschwindet es in der Wand, lässt nur sein Alter Ego zurück. Auch in meinen frühesten Kurzgeschichten aus Jugendtagen finden sich Anklänge daran, versuche ich das in Worte zu fassen, was sich nicht fassen lässt, weil es zu flüchtig ist, nur ein schmaler Grat hinter dem Nichtmehr und vor dem Nochnicht.

Am Montag Abend nun klingt es mir in den Worten einer Romy Schneider entgegen: dieses Andere. Vielmehr die oft unausgesprochene Erwartungshaltung, die sich in Mustern versteckt, hinter subtilen Mechanismen zum Vorschein kommt und sich bis tief ins Unbewusste hinein schleicht, um somit das sogenannte wahre Selbst bis zur Unkenntlichkeit verkümmern zu lassen.

Aus Romys Feder klingt das so: "Sie ist immer da. Sie, das ist die Andere. Mit ihren Augen starrt sie in die Nacht. Sie beschimpft mich, sie lacht, sie weint. Sie hat immer eine Hand auf meiner Schulter. Sie passt immer auf mich auf. Sie wirft mir alle Fehler vor, einmal, zweimal, dreimal. Ich werde sie nie los. Aber ich lasse sie." Was die Schneider da beschreibt, ist nicht etwa der Blick von außen auf ihre Person. Schlimmer noch, es ist das durch äußere Einflüsse zum Innerlichen Gewordene.
 
Im Rahmen einer Veranstaltungsreihe über die "Diva" an den Städtischen Bühnen Münster las Alice Schwarzer am vergangenen Montag aus ihrem Buch "Romy Schneider - Mythos und Leben". Schwarzer, Jahrgang 1942, die in gewisser Weise selbst schon Mythos ist, erscheint souverän, bisweilen nachdenklich und melancholisch, aber stets lebendig. Mit einer pointierten Textauswahl und gewohnt scharfem Blick zeichnet sie das Bild einer Frau, die zwischen Erwartungen und Rollenmustern zerrieben wurde und schließlich ganz daran zerbrach. Schauspielerin Stefanie Kirsten leiht Romy ihre Stimme.
Schwarzers Ausführungen beruhen auf gut recherchierten Fakten, vor allem aber auf ihren persönlichen Begegnungen, nächtelangen Gesprächen unter Freundinnen. Sie interessiert sich für die Frau hinter der berühmten Fassade, für Romys gesellschaftliche Rolle, sowohl als Gattin, Geliebte, Mutter als auch als Star.
 
Rebellinnen unter sich. Alice und Romy.

Schon früh lernt Romy, die an sie gestellten Erwartungen stärker gewichten zu müssen als ihre eigenen Bedürfnisse. Sei es in Bezug auf Mutter Magda, die ihr Kind instrumentalisiert und an der kurzen Leine, sei es via "Daddy" Blatzheim, der nicht allein seine Hand über, sondern gern auch mal unter Romys Vermögen hält und auch sonst die ein oder andere stiefväterliche Grenze überschreitet… ("Il a essayé de coucher avec moi." - Er hat versucht, mit mir zu schlafen.) Sei es innerhalb ihrer Beziehungen zu Männern. Da wäre zunächst der Rebell Delon, mit dem sie auszubrechen hofft und der sie letztlich fallen lässt wie eine heiße Kartoffel. Dann die Umkehr bis zur Selbstaufgabe in die Ehe mit dem Theatermann Harry Meyen, dem Vater ihres Sohnes David, des Sohnes, den sie später auf tragische Weise verliert. Weitere Männer- (und übrigens auch heimliche Frauen-) Geschichten pflastern schließlich ihren Weg und die Schlagzeilen der Boulevardpresse.
"[…] ich brauche Stärke", schreibt Romy in ihrem Tagebuch. "Einen Mann, der mich gewaltsam in die Knie zwingt. […] Mich müsste ein Stärkerer in die Hand nehmen, mich zurechtbiegen, mich bis in die Knochen zerstören." Harry leistet seinen Teil zu diesem fatalen Beziehungsentwurf. Gern erklärt er ihr die Welt, führt und leitet sie, schreckt auch nicht davor zurück, sie ob ihrer vermeindlichen Ungebildetheit vor Fremden bloß zu stellen. Eine Weile erträgt, ja idealisiert Romy diese, ihre neu gefundene Rolle, geht auf in der totalen Bedürfnislosigkeit, dann schließlich löst sie sich aus dieser Ehe, versucht ein letztes Bisschen Selbstachtung in ein neues Leben herüber zu retten.

Doch so sehr sie sich dagegen wehrt, die Strukturen erkennt, die auf sie derart zerstörerisch wirken, so wenig wird es ihr gelingen, sich davon ganz frei zu machen. Zu sehr ist sie abhängig von der Anerkennung derer, die in ihr nicht den Menschen Romy, sondern vor allem ein Instrument sehen, allen voran macht sie sich abhängig von der Anerkennung der Männerwelt. Es ist das Fatale an diesem Anderen, dass es - als Teil der eigenen Persönlichkeit - die Frau nicht aus der Verantwortung entlässt, die Konsequenzen eigener Entscheidungen zu tragen.
Unzählige Diätkuren, der übermäßige Alkohol- und Tablettenkonsum und eine Vielzahl persönlicher Schriften dokumentieren die tiefe Einsamkeit der Romy Schneider. Diese Mischung aus "Entwurzelung, Leidenschaft und Distanzlosigkeit", ihr tiefes "Bedürfnis nach Ausschließlichkeit", wie Schwarzer es in Worte fasst, sie sind ihr größtes Kapital als Schauspielerin, gleichzeitig aber ihr Oneway-Ticket in die Abgründe der Depression.

"Zu viele mörderische Faktoren auf einmal haben ihr die Kraft zum Weiterleben geraubt", schreibt Schwarzer. "[…] Diese - nicht zuletzt von den eigenen Müttern - von früh an eingehämmerten Minderwertigkeitsgefühle. Diese - nicht zuletzt durch die eigenen Daddys - erlittenen Demütigungen und Übergriffe. Diese Fluchten vor der Realität in Traumwelten. Diese (Selbst-) Bestrafung für 'unweibliches' Verhalten und 'männliche' Ambitionen. - Das ist die Andere. Sie ruft die Eine, ihre zu freie Hälfte, lebenslang zur Ordnung und engt sie ein." Schade, dass die rebellische Seite der Romy Schneider, die ihr Leben lang immer wieder messerscharf durchblitzt, nicht zum Dialog genügt mit diesem anderen Ich, sondern letztlich doch in die Selbstzerstörung mündet.

Nicht allein der Besuch dieser Veranstaltung und das Liveerlebnis Alice Schwarzer war für mich ein Gewinn, sondern auch die nochmalige Lektüre dieser besonderen Romy-Schneider-Biografie aus ihrer Hand. "Wir sind", so sagt es Romy der EMMA-Gründerin 1976 in einem Interview, "die beiden meistbeschimpften Frauen Deutschlands." Alice ist es noch. Und durchaus streitbar. Dennoch aber (oder gerade deswegen?) bewundert und verehrt. Der tosende Applaus für ihre schriftstellerische und journalistische Arbeit über Romy Schneider ist ein untrügliches Zeichen dafür.

Alice Schwarzer: "Romy Schneider - Mythos und Leben", TB bei Kiepenheuer & Witsch für 8,85€